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Nationalstreik in Chile

18.10.2011 Heute hat ein zweitägige Nationalstreik in Chile begonnen. Zu der Aktion riefen der chilenische Studentenverband Confech und andere soziale Gruppen auf. Hauptbestandteil der Forderungen stellt eine Reform des Bildungssystems dar, der Bürgern aller gesellschaftlicher Schichten Zugang zu effektiven Bildungseinrichtungen gewährt.

Hintergrund: Der Streit um die Bildungspolitik in Chile

Bereits seit mehreren Monaten besteht ein ernsthafter Streit um die Bildungspolitik in Chile. Dabei geht es darum, die Qualität der Bildung für die breite Masse der Bevölkerung zu verbessern. In Chile konkurrieren ein öffentliches und ein privates Bildungssystem. Das öffentliche Bildungssystem ist stark unterfinanziert und die öffentlichen Schulen und Universitäten bieten nur unzureichende Bildung an. Daneben besteht ein privates Bildungssystem, bei dem die Qualität der Bildung zwar deutlich besser ist, das jedoch an rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten orientiert und sehr teuer ist.

Daher ist der Zugang zu höherer Bildung in Chile fast ausschließlich der Oberschicht vorbehalten. Doch auch die Qualität der privaten Bildung ist nicht immer optimal. Da der Zugang nicht vom geistigen, sondern vom finanziellen Vermögen einer Person abhängt, sind die Resultate trotz besserer Ausstattung dürftig.

Gegen dieses System protestiert der chilenische Studentenverband Confech bereits seit mehreren Monaten. Er fordert ein stärkeres staatliches Engagement im Bereich der Bildung. Damit soll erreicht werden, dass auch die weniger einkommensstarken Schichten der Bevölkerung Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung bekommen. Denn ein System, in dem die Bildung nur von den finanziellen Möglichkeiten abhängt, wird nicht nur als ungerecht empfunden. Dies kann auch das Wirtschaftswachstum behindern, da viel Potenzial verschenkt wird, wenn Menschen ihre Fähigkeiten durch einen Mangel an Bildung nicht voll entwickeln und so nicht in das Wirtschaftssystem einbringen können.

Der Ablauf der Proteste

Ein wichtiger Bestandteil der Protestaktion war die Vorstellung einer groß angelegten Umfrageaktion. Bei dieser wurden nach Angaben der Veranstalter mehr als 1,4 Millionen Menschen befragt. Das Ergebnis der Umfrage ist mehr als eindeutig. 87,14% der Befragten sprachen sich für kostenfreie staatliche Bildung aus. Auch wenn die Methodik und die Durchführung dieser Umfrage noch genau überprüft werden müssen, scheint das Ergebnis eine sehr breite Zustimmung der Bevölkerung zu signalisieren. Die konservative Regierung unter Sebastián Piñera bleibt jedoch bei ihrer Position.

Begleitet wurde diese Aktion von vielen Kundgebungen und Straßensperren. Damit wollen die Protestierenden ihre Entschlossenheit zur Schau stellen und den Forderungen mehr Nachdruck verleihen.

Leider blieb es bei den Protesten nicht immer friedlich. Es kam zu zahlreichen Straßenschlachten zwischen vermummten Oppositionellen und der Polizei. Dabei musste sogar ein Kindergarten evakuiert werden, der zwischen die Fronten geraten war. Ein Bus wurde geplündert und in Brand gesetzt. Auch wenn man die Forderungen der Protestierenden gerechtfertigt findet, stellt sich hier die Frage, ob solche Aktionen zielführend sind. Denn durch gewalttätige Aktionen kann die Zustimmung, die die Befürworter nach der von ihnen durchgeführten Umfrage in der Bevölkerung genießen, schnell in Ablehnung umschlagen.






© Harald Angles